Man kann über die Gigantomanie des OMR Festivals geteilter Meinung sein – die Massen in den Hamburger Messehallen sind jedes Jahr eine logistische und mentale Herausforderung. Doch inmitten des Spektakels gibt es einen Programmpunkt, der für mich seit Jahren eine Relevanz für sich besitzt: die Keynote „State of the Internet“.
Ich bin einfach ein großer Freund dieses Formats. Ich schätze es, weil es kurz und kompakt die Dinge auf den Punkt bringt und dort immer Informationen stecken, die im Alltag schlicht an einem vorbeigegangen wären. Es liefert genau die Einordnung, die im allgemeinen Marketingrauschen oft verloren geht: verständlich, präzise und ohne unnötige Buzzword-Nebelkerzen oder Schnickschnack drumherum.
KI frisst Klicks: Warum sich das Internet gerade radikal verändert
Da die Nachfrage so hoch war, dass die Show gleich zweimal vor jeweils 7.000 Menschen gespielt wurde, zeigt, dass der Informationsbedarf 2026 so groß ist wie nie zuvor. Hier sind die Kernthesen der diesjährigen Analyse.
Marktanalyse: Zwischen Taylor Swift und industriellem Wandel
Der Verzicht auf das „German“ im Titel verdeutlicht den Anspruch: Hier wird der globale Markt seziert. Westermeyer startete mit den Gewinnern, und das Bild ist vielschichtig. Auf der einen Seite stehen junge Gründerinnen, wie Luana Lara Lopes, deren Plattform Kalshi mit 22 Milliarden US-Dollar bewertet wird – ein Beleg für die Geschwindigkeit neuer digitaler Geschäftsmodelle.
Auf der anderen Seite steht der massive Einfluss der Popkultur auf harte Wirtschaftszahlen. Taylor Swift war zwar nicht vor Ort, aber ihr Einfluss war das Paradebeispiel der Keynote: Ein einziges Verlobungsfoto mit Travis Kelce hat gereicht, um das Thema Hochzeiten zum treibenden Content-Faktor des Jahres zu machen. Das ist kein Boulevard-Thema, sondern ein handfester Indikator für Aufmerksamkeitsökonomie.
Themenparks boomen. Ob Disneyworld oder Karls Erdbeerhöfe – die Sehnsucht nach physischer Präsenz ist ein starker Gegentrend zur fortschreitenden Digitalisierung.
Trotz regulatorischem und KI-Druck bleibt Google eine Machtinstanz. Beeindruckender Beleg: Das Unternehmen brachte allein in den letzten zwei Jahren fünf Nobelpreisträger hervor.
Die Verlierer-Kategorie: Strukturwandel in der IT
Besonders hellhörig machte die Analyse der Verlierer. Das Informatikstudium, über Jahrzehnte das Synonym für Arbeitsplatzgarantie, gerät unter Druck. In den USA hat die Arbeitslosenquote unter IT-Absolventen das Niveau von Kunststudierenden erreicht. Das ist ein Warnsignal für den klassischen Bildungsweg im Zeichen der KI.
Auch der Wettmarkt transformiert sich: Klassische Anbieter verlieren an Boden gegen dezentrale Prognoseplattformen wie Polymarket. Währenddessen investieren US-Tech-Konzerne rund 725 Milliarden US-Dollar in die Infrastruktur für KI. Ein Volumen, das die globale Zulieferkette massiv beeinflusst.
Die Strategie-Antwort auf Google AI Overviews
Roland Eisenbrand übernahm den strategischen Part und adressierte das Problem der sinkenden Klickzahlen durch Google AI Overviews. In Deutschland fehlen durch die direkt ausgespielten KI-Antworten bereits 265 Millionen monatliche Klicks. Um in diesem Umfeld stattzufinden, ist eine radikale Umstellung der Web-Inhalte nötig:
Inhalte müssen kleinteilig und hochstrukturiert aufbereitet werden (z. B. FAQ-Logik), damit die KI sie leichter erfassen und als Quelle zitieren kann.
Die KI bevorzugt Listenformate zur Zusammenfassung von Themen. Strukturierte Aufzählungen erhöhen die Chance, ganz oben in den AI Overviews zu landen.
YouTube ist die meistgenutzte Quelle für KI-Zusammenfassungen. Titeloptimierung und präzise Zeitstempel sind hier wichtiger als klassisches Keyword-Ranking.
KI-Strategie oder alter SEO-Kaffee?
Kritisch betrachtet muss man allerdings sagen: Die vorgestellten Tipps zum Umgang mit den AI Overviews klingen für Fachleute eher nach SEO-Grundkurs als nach digitaler Revolution. Informations-Chunking, Listicles und YouTube-Optimierung sind für viele Marketer kein „netter Bonus“ mehr, sondern seit Jahren gelebter Standard. Wer bisher schon auf Featured Snippets optimiert hat, macht im Grunde genau das, was jetzt als „Antwort auf die KI“ gelabelt wird.
Der eigentliche Kern der Botschaft ist ein anderer: Was früher Standard für die Klick-Maximierung war, wird jetzt zur Überlebensstrategie für die reine Markenpräsenz. Die bittere Pille dabei: Selbst wenn man alles richtig macht und von der KI als Quelle zitiert wird, bleibt der Traffic oft aus. Die Strategie verschiebt sich weg vom Website-Besuch hin zu reinen Erwähnungen innerhalb der Google-Oberfläche. Das ist kein neuer Trick, sondern wirkt in dieser Präsentation eher nach Kapitulation vor der „Zero-Click“-Realität.
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Zum Profil von Marcel KöhlerReddit und die Effizienz von Micro-Content
Ein tiefer Blick galt Reddit. Mit 500 Millionen Besuchern pro Woche ist es die Plattform für authentisches Marketing. Wer hier Erfolg will, muss die Spielregeln der Communities akzeptieren. Marken wie Sonos oder Skoda (mit dem Community-Sondermodell des Octavia) zeigen, dass man durch echten Dialog und Markenbotschafter eine Loyalität erreicht, die klassische Social-Ads nicht mehr leisten können.
Facebook 2026: Totgesagt, aber algorithmisch hochlebendig
Zum Abschluss wurde die Rolle von Facebook neu bewertet. Totgesagt, aber durch den Algorithmus-Fokus auf Micro Shows extrem lebendig. Kurze Hochkant-Clips zwischen 60 und 180 Sekunden sind das Format der Stunde.
Dass hier Humor und Einblicke in den Arbeitsalltag („Workplace Documentaries“) oft teure Produktionen schlagen, zeigen Beispiele wie ein Käseladen aus Beverly Hills, der mit simplen Schneide-Videos Millionen erreicht.
Nach dem Input direkt in den Autoscooter
Der „State of the Internet“ bleibt für mich die wichtigste Kurz-Bestandsaufnahme des Jahres. Aber weil so viel Input auch erst einmal verarbeitet werden muss, ging es für mich danach direkt zum kleinen Kontrastprogramm: eine Runde Autoscooter fahren. Schließlich waren bis zum nächsten spannenden Beitrag von Philipp Klöckner noch ein paar Minuten gebührend zu überbrücken.

Man muss hier einfach mal große Probz an das Marketing-Team von Porsche aussprechen: Wer einen kompletten Autoscooter mitten in eine Messehalle baut, hat verstanden, wie man auf so einer Messe noch für Aufmerksamkeit sorgt. Nach der geballten Ladung digitaler Trends war das genau der richtige analoge Adrenalinkick, bevor es zurück in den Trubel der OMR ging.
>> Mehr spannende Stories aus der Digitalwirtschaft in meinem Blog.
Quellen und weiterführende Informationen
- OMR (Offizielle Webseite des Veranstalters)
- OMR 2026 zwischen Festival-Eskapismus und KI-Realität:
Wie Europas KI-Zukunft aussehen soll (onlinemarketing.de) - OMR Festival 2026 in Hamburg:
KI im Fokus und große Stars auf der Bühne
(ahoihamburg.de)
